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RSV‑Immunisierung bei Säuglingen: Warum Real‑World Evidence entscheidend ist

Geschrieben von LOGEX | June 2026

RSV verstehen und seine Auswirkungen

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist eine häufige Atemwegsinfektion, die sowohl Säuglinge als auch ältere Erwachsene betrifft. Fast jedes Kind kommt in den ersten zwei Lebensjahren mit RSV in Kontakt. In vielen Fällen bleiben die Symptome mild, etwa in Form von Schnupfen oder Husten. In anderen Fällen kann RSV jedoch zu Atembeschwerden und Krankenhausaufenthalten führen.

Die Krankheitslast ist besonders hoch bei Säuglingen und älteren Erwachsenen mit Vorerkrankungen. Bei Säuglingen betreffen die meisten Krankenhausaufenthalte Kinder unter sechs Monaten. RSVInfektionen erreichen in der Regel in den Herbst- und Wintermonaten ihren Höhepunkt, können in manchen Jahren jedoch bis ins Frühjahr andauern. In diesen Zeiten setzt RSV die Gesundheitssysteme spürbar unter Druck, mit steigenden Einweisungszahlen und einer erhöhten Nachfrage nach Intensivversorgung.

Die Auswirkungen gehen zudem über die Krankenhäuser hinaus. So müssen Eltern häufig von der Arbeit fernbleiben, um ihre Kinder zu betreuen, was finanzielle Belastungen mit sich bringen kann und zugleich gesamtgesellschaftliche Kosten verursacht (Franck et al., 2026).

Eine sich wandelnde Präventionslandschaft

Es gibt keinen einheitlichen Standardansatz zur RSVPrävention. In Europa existieren mehrere Strategien nebeneinander, geprägt von nationalen Prioritäten und den jeweiligen Gesundheitssystemen.

In den vergangenen Jahren sind nach Jahrzehnten begrenzter Fortschritte neue Immunisierungsansätze verfügbar geworden (Principi et al., 2025). Die beiden derzeit wichtigsten Strategien sind die mütterliche Impfung, bei der schwangere Frauen geimpft werden, um den Schutz auf das Neugeborene zu übertragen, sowie monoklonale Antikörper, die direkt Säuglingen verabreicht werden. Beide Ansätze haben sich in klinischen Studien als wirksam erwiesen und werden inzwischen aktiv in nationale Programme integriert.

Dennoch gehen europäische Länder unterschiedliche Wege. Spanien führte beispielsweise 2023 monoklonale Antikörper für Neugeborene ein, unmittelbar nach der Zulassung durch FDA und EMA. Das Vereinigte Königreich folgte 2024 mit einem Programm zur mütterlichen Impfung. Die Niederlande starteten ihr Programm 2025, ebenfalls basierend auf monoklonalen Antikörpern. Diese Entscheidungen basieren darauf, wie Länder die Krankheitslast bewerten, KostenNutzenSchwellen anwenden und die Umsetzbarkeit einschätzen.

Infolgedessen haben sich unterschiedliche Strategien etabliert. Die zentrale Frage ist nun, wie sich diese Ansätze in der Praxis bewähren und welchen Einfluss sie langfristig auf Säuglinge haben.

Erste Erkenntnisse aus Daten

Frühe Beobachtungen aus Studien zeigen ermutigende Signale. In Ländern mit eingeführten Immunisierungsprogrammen wurden Rückgänge bei Krankenhausaufnahmen unter den jüngsten Säuglingen beobachtet (Attaianese et al., 2025; Núñez et al., 2025).

Gleichzeitig basieren diese Ergebnisse häufig auf kurzen Beobachtungszeiträumen, meist nur über eine Saison hinweg, sowie auf relativ kleinen Stichproben aus einzelnen Ländern oder sogar spezifischen Regionen. Dadurch ist es schwierig, belastbare Schlussfolgerungen zu ziehen oder die Wirksamkeit von Maßnahmen und deren langfristige Effekte vollständig zu verstehen (Lee et al., 2025).

Warum Vergleiche komplex bleiben

Der Vergleich von Erkenntnissen zwischen Krankenhäusern und Ländern ist komplex. Zu den wichtigsten Herausforderungen gehören:

Unterschiede beim Rollout, der Akzeptanz und den Gesundheitssystemen
Länder haben Immunisierungsprogramme zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit verschiedenen Ansätzen eingeführt. Die Durchimpfungsraten variieren, und auch die Gesundheitssysteme unterscheiden sich darin, wie Versorgung organisiert und dokumentiert wird. Dies erschwert direkte Vergleiche.

Begrenzte Interoperabilität von Datensystemen
Gesundheitsdaten werden häufig in unterschiedlichen Formaten und Systemen gespeichert, die nicht ohne Weiteres miteinander verknüpft werden können. Diese mangelnde Interoperabilität erschwert es, Datensätze zwischen Krankenhäusern oder Ländern zu verbinden und zu vergleichen, und begrenzt groß angelegte Analysen.

Geringe Fallzahlen auf Krankenhaus- oder Regionalebene
Auf Ebene einzelner Krankenhäuser oder Regionen sind die Fallzahlen oft zu niedrig, um belastbare Aussagen zu treffen. Dadurch wird es erschwert, klare Muster zu erkennen.

Hinzu kommt, dass einige Länder – wie die Niederlande – ihre Programme erst kürzlich eingeführt haben, sodass noch nicht ausreichend Daten vorliegen. Aufgrund der saisonalen Natur von RSV ist zudem mehr als eine Saison erforderlich, um aussagekräftige Erkenntnisse zu gewinnen.

Die Rolle von Real‑World Evidence

Um diese Herausforderungen zu adressieren, ist es notwendig, die Datenerhebung und den Vergleich über Krankenhäuser und Länder hinweg zu erleichtern. Täglich entstehen in Krankenhäusern im Rahmen der Routineversorgung, Diagnostik und Behandlung sogenannte RealWorld Data (RWD). Werden diese analysiert, entstehen daraus RealWorld Evidence (RWE), die hilft, Auswirkungen, Trends und Ergebnisse über Populationen und Zeiträume hinweg zu bewerten.

RWE entsteht nicht durch eine einzelne Studie, sondern wird schrittweise aufgebaut: Verschiedene, sich weiterentwickelnde Analysen tragen zu einem Gesamtbild bei, das Forschung, Politik und Zugangsentscheidungen unterstützt.

Im Kontext von RSV kann RWE aufzeigen:

  • wie sich Krankenhausaufnahmen bei Säuglingen nach Einführung eines Immunisierungsprogramms entwickeln – sowohl innerhalb einzelner Länder als auch im Ländervergleich
  • wie Ergebnisse zwischen verschiedenen Patientengruppen variieren, etwa nach Alter, Risikoprofil oder Vorerkrankungen
  • wie sich Schutzwirkungen und Ergebnisse langfristig über mehrere RSVSaisons hinweg entwickeln
  • wie sich die Nutzung von Gesundheitsressourcen und die damit verbundenen Kosten im Zeitverlauf verändern

Diese Analysen vergleichen Zeiträume vor und nach Einführung von Programmen und können beispielsweise in Form von ImpactStudien (zur Bewertung von Effekten auf Populationsebene) oder Wirksamkeitsstudien (zur Bewertung auf Individualebene unter RealWorldBedingungen) erfolgen. ImpactStudien erfassen zudem breitere Effekte auf Bevölkerungsebene, die in kontrollierten Studien oft nicht sichtbar sind.

Diese Art von Evidenz wird zunehmend von Entscheidungsträgern genutzt – darunter nationale Beratungsgremien, Gesundheitsbehörden und Kostenträger –, um Immunisierungsstrategien zu steuern und weiterzuentwickeln.

Healthcare Observatories spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie bündeln unterschiedliche Datenquellen aus mehreren Organisationen und Ländern, integrieren und analysieren diese und unterstützen so fundierte Entscheidungen auf Basis robuster und verlässlicher Evidenz.

LOGEX hat ein Observatory im Bereich Atemwegsinfektionen (Respiratory Tract Infections, RTI) entwickelt, das unter anderem die RSVPrävention bei Säuglingen abdeckt. Durch die Zusammenführung von Erkenntnissen über Länder und Zeiträume hinweg entsteht ein umfassendes Bild der RSVImmunisierung. Damit werden Kliniker, Forschende und Entscheidungsträger dabei unterstützt, besser zu verstehen, wie unterschiedliche Strategien im Versorgungsalltag wirken.

Erfahren Sie hier mehr über das LOGEX RTI Observatory.

 

Quellen

Attaianese, F., Trapani, S., Agostiniani, R., Ambrosino, N., Bertolucci, G., Biasci, P., Castelli, B., Colarusso, G., Coretti, G., Dani, C., Grosso, S., Lucenteforte, E., Maj, D., Martini, M., Mirri, G., Moriondo, M., Perone, V., Peroni, D., Rossetti, A., . . . Indolfi, G. (2025). Effectiveness of a targeted infant RSV immunization strategy (2024–2025): A multicenter matched case-control study in a high-surveillance setting. Journal Of Infection, 91(3), 106600. https://doi.org/10.1016/j.jinf.2025.106600

Franck, Z., Hofstraat, S., Jonker, L., Kragten, L., Messina, C., Fernandes, R. M., Bruijning-Verhagen, P., Farr, A., Hoste, L., Pana, Z. D., Smíšková, D., Hagstrøm, S., Jõgi, P., Nohynek, H. M., Frange, P., Delory, T., Pkhaladze, N., Rüdiger, M., Roilides, E., . . . Heath, P. (2026). The evolving landscape of RSV immunization: Current policies and practices across Europe. Vaccine, 76, 128222.

Lee, B., Trusinska, D., Ferdous, S., Pei, R., Kwok, H. H. Y., Schwarze, J., Williams, T. C., Gibbons, C., Quint, J. K., Sheikh, A., Drysdale, S. B., & Shi, T. (2025). Real-world effectiveness and safety of nirsevimab, RSV maternal vaccine and RSV vaccines for older adults: a living systematic review and meta-analysis. Thorax, 80(11), 838–848. https://doi.org/10.1136/thorax-2025-223376

Núñez, O., Olmedo, C., Moreno-Perez, D., Lorusso, N., Martínez, S. F., Villalba, P. E. P., Gutierrez, Á., Garcia, M. A., Latasa, P., Sancho, R., Mendioroz, J., Martinez-Marcos, M., Platón, E. M., Rivera, M. V. G., Pérez-Martinez, O., Álvarez-Gil, R., Wagner, E. R., Gonzalez-Coviella, N. L., Zornoza, M., . . . Collaborators, T. N. E. S. (2025). Effectiveness of catch-up and at-birth nirsevimab immunisation against RSV hospital admission in the first year of life: a population-based case–control study, Spain, 2023/24 season. Eurosurveillance, 30(5). https://doi.org/10.2807/1560-7917.es.2025.30.5.2400596

Principi, N., Perrone, S., & Esposito, S. (2025). Challenges and Limitations of Current RSV Prevention Strategies in Infants and Young Children: A Narrative Review. Vaccines, 13(7), 717. https://doi.org/10.3390/vaccines13070717